"Dada" ist überall!

"AVANTGARDE-KUNSTPROJEKT" - Künstlerischer Ausdruck statt Perfektion - Provokation statt Mainstream.

"Das Einzige, was sich lohnt aufzurichten, ist die mensch-
liche Seele. Ich meine jetzt >Seele< im umfassenden Sinn.
Ich meine nicht nur das Gefühlsmäßige, sondern auch die
Erkenntniskräfte, die Fähigkeit des Denkens, der Intui-
tion, der Inspiration, das Ichbewusstsein, die Willenskraft.
Das sind ja alles Dinge, die sehr stark geschädigt sind in
unserer Zeit. Die müssen gerettet werden. Dann ist alles
andere sowieso gerettet."
                                                              Joseph Beuys

Selbstbewusstsein stützen, Mut machen einzugreifen, Probleme ansprechen, gegenseitige Hilfe praktizieren, flache Hierarchien als ersten Schritt organisieren, Transparenz herstellen... also Schritte in die richtige Richtung machen und anstossen und einfordern und ermutigen, je nach Situation. WOLFGANG HAUG

Der Mut ist nichts...Das Vertrauen in seinen eigenen Mut ist alles...Die Initiative zu haben, trägt dazu bei.

Einmal
da hörte ich ihn,
da wusch er die Welt,
ungesehn, nachtlang,
wirklich.

Eins und Unendlich,
vernichtet,
ichten.
Licht war. Rettung.

Paul Celan

Das innere Leben der Formen und Bilder ist jedem analysierbaren
Begriff von Intentionalität fremd. Teilweise kontrolliert der Künstler
dieses Leben, aber es treiben eher Ohnmacht und Schwäche als
Intention den Künstler an, der erst weiß, was er tun will, wenn er
dabei ist, es zu tun.
"We do not know where you are going to end.

It´s a journey without a aim."

Wir können nicht ändern, was sein wird, ohne zu beschreiben, was ist. Mit anderen Worten:
Wir erbauen die Zukunft, indem wir uns unsere Gegenwart vergegenwärtigen.

"Was Du bekommst hängt davon ab, was du bereit bist wahrzunehmen".

Nichts ist schwerer hervorzubringen als Kunst über das Jetzt,  da dieser chaotische Moment
immer in Bewegung ist und man sich nicht von ihm lösen kann: Man geht mit ihm mit, man formt
ihn und wird von ihm geformt. Der Versuch in der Kunst das Jetzt festzuhalten, ist riskant.
Auch der Konsumismus hat eine andere Inkarnation gefunden: Wir sind nicht mehr nur Konsumenten,
sondern auch das Konsumierte.
Der Maßstab zeitgenössischer Kunst ist, welchen Widerhall sie jetzt findet. Das Gewebe der eigenen
Zeit zu durchstoßen, die Art und Weise, wie Menschen sehen und fühlen, auch nur für einen Moment
zu verändern ist schon eine Leistung.

Kunst bombadiert uns mit dem Staub des Lebens.
Sie zeigt uns die vielen Schichten dieses Staubs,
unter dem so viele Seelen ersticken.
Sie macht, daß wir uns schmutzig und mit schuldig fühlen,
aber auch verwundert und dankbar sind - denn ohne Staub
würden wir den Sonnenstrahl nicht sehen,
der sich seinen Weg durch die Luft bahnt,
Sonnenuntergänge wären weniger schön,
der Himmel erstrahlte in einem anderen Blau.
Partikel dieses Staubs dringen tief in uns ein.
Sie liegen in Herz und Verstand und kribbeln, prickeln, beunruhigen.
Sie sind eine notwendige Mahnung:
Es bedarf keiner Fackel, um die Wahrheit zu erhellen,
es muß nicht brennen, damit wir handeln.
Priya Basil

"jagen wir die gemalten Wünsche aus den museen hinaus auf die straßen, holen wir die geschriebenen träume von den brechenden bücherborden der bibliotheken herunter und drücken wir ihnen einen stein in die hand, an ihrer fähigkeit, sich zu wehren, wird sich zeigen, welche von ihnen in der neuen gesellschaft zu brauchen sind und welche verstauben müssen." (Peter Schneider)


 Es genügt nicht das Bestehende darzustellen,
notwendig ist an das Erwünschte und an das
Mögliche zu denken. (Maxim Gorki)

"When I´m good, I´m very good, but when I´m bad I´m better".
Mae West

Es gibt niedrigdimensionale Schatten externer Wahrneh-
mungsobjekte, die auf der neuralen Benutzeroberfläche im Gehirn des
Höhlenbewohners herumtanzen. So viel ist richtig. Es gibt sicher auch
einen phänomenalen Selbstschatten. Aber von was ist dieser Schatten die
niedrigdimensionale Projektion?(...) Es ist nicht der Schatten einer ge-
fangenen Person, sondern der Höhle als ganzer(...) Es gibt in der Höhle
kein wahres Subjekt und keinen Homonkulus, der sich mit irgend etwas
verwechseln könnte. Es ist die Höhle als ganze, die episodisch, während
Wach- und Traumphasen, einen Schatten ihrer selbst auf eine ihrer vielen
inneren Wände projiziert. Der Höhlenschatten ist da. Die Höhle ist leer.
Thomas Metzinger

 "Wirklichkeit ist keine starre Realität.
sie ist voller Möglichkeiten - und sie ist in uns.
Sie kann von uns geändert werden und
neu gestaltet werden."
Hans Peter Dürr

Die Situationisten operierten an der Schnittstelle von Kunst und Politik, Architektur und Wirklichkeit und setzten sich für die Realisierung der Versprechungen der Kunst im Alltagsleben ein. Sie forderten unter anderem die Abschaffung der Ware, der Lohnarbeit, der Technokratie und der Hierarchien und entwickelten ein Konzept der „theoretischen und praktischen Herstellung von Situationen“, in denen das Leben selbst zum Kunstwerk werden sollte. Einige Situationisten waren in den Ausbruch der Studierendenunruhen vom Mai 1968 verwickelt, die auf ganz Frankreich übergriffen und dort, anders als in Deutschland, weite Teile der Arbeiterklasse erfassten. Situationistische Ideen waren in den folgenden Jahren weit verbreitet und haben international in Kunst, Politik, Architektur und vor allem in der Popkultur Spuren hinterlassen, die sich bis in die Gegenwart ziehen. Ihre Aktionsformen wurden unter anderem im Fluxus und in der Performancekunst aufgegriffen.

(Wenn) die Kunst von der Lebenspraxis abgehoben ist, können

in sie all jene Bedürfnisse Eingang finden, deren Befriedigung im

alltäglichen Dasein aufgrund des alle Lebensbereiche durchdrin-

genden Konkurrenzprinzips unmöglich ist. Werte wie Mensch-

lichkeit, Freude, Wahrheit, Solidarität werden gleichsam aus

dem wirklichen Leben abgedrängt und bewahrt in der Kunst

(...), indem sie das Bild einer besseren Ordnung im Schein der

Fiktion verwirklicht, entlastet sie die bestehende Gesellschaft

vom Druck der auf Veränderung gerichteten Kräfte.

Peter Bürger

Das die DadaistInnen, SurrealistInnen, LettristInnen, Situati-

onistInnen vom Anarchismus geprägt und begeistert waren, ist

in vielen Arbeiten und Untersuchungen gut dargestellt worden.

Die revoltierende KünstlerInnenszene, die historische Avantgarde

und ihre VorgängerInnen, traten in Erscheinung, als die Intellek-

tuellen unter den AnarchistInnen samt ihres Know-Hows, z.B.

was das Publizieren von Zeitschriften betrifft, vor der mit aller 

Brutalität zuschlagenden Staatsmacht zurückwichen und neue 

Tätigkeitsfelder suchten.

Quelle - Das Buch: AVANTGARDE I 

Von den anarchistischen Anfängen bis Dada oder wider eine begriff-

liche Beliebgigkeit

Schmetterling Verlag - theorie.org

 Was mir immer wieder Kraft gibt, ist der Kontakt mit der Kunst. Für mich ist es wichtig, Gedichte zu rezitieren, Musik zu hören, oder Bilder zu betrachten. Das macht aus einem Menschen ein lebendiges Wesen. Aber die Berührung mit der Kunst bedeutet noch mehr: Es ist eine Art von Begegnung mit dem Göttlichen. Kunst ist für mich das Göttliche der Menschheit. Ich kenne keine anderen Götter als das Schöne, das Gute und das Wahre, und diese Götter besuchen mich in Gestalt der erschaffenen Kunst immer wieder.

Stephane Hessel

"Ich glaube, es ist die Rolle des Künstlers,
sich an den sozialen Kämpfen seiner/ ihrer Zeit zu beteiligen,
alle Fragen rund um die Menschheit
und was ihn/sie sonst noch umgibt
auf ehrliche und mutige Art zu porträtieren
so, dass Fehler sich nicht wiederholen,
und vor allem, dass die Leinwände durch die Zeit hinweg
jene Lehren und Wahrheiten festhalten,
die niemals vergessen werden (sollten).
Das ist es, woran ich glaube."
Joao Evangelista Souza , Curitiba, Brazil
Plastic Artist | Maler | Artista Plástico

Kunst ist dafür da, den Staub des Alltags von unseren Seelen zu waschen.

 (Picasso)


"Säkularisierung Der Kunst"
Das "wilde Denken" manifestiert sich in unserer modernen
Gesellschaft vor allem in der Kunst. Zumindest ist dies der
einzige Bereich, in dem es "relativ geschützt" ist, da unsere
Zivilisation der Kunst, so Lèvi-Strauss, "den Status eines
Naturschutzparks" zubilligt, mit all den Vorteilen und Nach-
teilen, die sich mit einem so künstlichen Gebilde verbinden.
Dieser "Park" ist nichts anderes als das, was manchmal
als "die Welt der Kunst" bezeichnet wird, eine Welt, die in
der Moderne immer autonomer und zu einer Sphäre gewor-
den ist, die von ihren eigenen Gesetzen beherrscht wird.
Und zweifellos ist es diese Autonomie, die, anders als in
früheren Jahrhunderten, die Frage nach der Funktion der
Kunst in der Gesellschaft heute so schwer beantwortbar
macht.
Kunst ist überall, und alles ist Kunst. Es ist keineswegs
nur die Gestalt, des Künstlers, die heute zum Modell
erhoben wird. Die ganze Kultur tendiert dazu, sich als
Kunst zu präsentieren, so daß die Kunst im Begriff ist,
auf der symbolischen Ebene einer säkularisierten Gesell-
schaft den omnipräsenten Platz in der Kultur einzu-
nehmen, der einst jener der Religion war.
An deren Stelle setzt sie sich, um das Bedürfnis nach
"Seele" zu befriedigen und dadurch den schmerzlichen
Entzug der mit dem Verblassen des Religiösen verbun-
den ist, erträglicher zu machen. Das geschieht durch
vielerlei Veranstaltungen, die ein breites Publikum ein-
laden, den letzten Kult zu zelebrieren, der uns geblieben
ist: den Kult nicht nur der Meisterwerke des künstlerischen
Erbes, sondern der Kunst überhaupt in ihren verschie-
densten Formen.
Wir feiern die Musik - sie entspricht dem hedonistischen
und dionysischen heutigen Zeitgeist mehr. Die Religion
der Kunst (eine vielgestaltige, aber diffuse Religion) ist
dabei, die Religion im eigentlichen Sinne zu ersetzen -
die Legenda aurea unserer Zeit ist eher die der Künstler
als die der Heiligen.
Jean-Claude Pinson


"In der Kunst wie im Leben ist
alles möglich, wenn es auf Liebe
gegründet ist."
Marc Chagall

Seit jeher behaupte ich, daß es die Kunst nicht gibt, sondern nur die Künstler, die übrigens keine Kunst machen, sondern etwas tun, daß ihnen Vergnügen bereitet, die gar nicht anders können, selbst wenn es für manche ein schmerzhafter Prozeß ist: glückliche Masochisten.

JEAN LOUP SIEFF

 

Kunst ist eine Produktionsweise, die sich nicht in "Effizienz-Rationalität" erschöpft.

Sie ist meine ganze Hoffnung in dem kapitalistischen Wahnsinn.

Aber als Warenform hört Kunst auf, Kunst zu sein.

Niels Boeing


Im Kunstwerk geht es um diese sich wiederholende, flüchtige und überquellende Energie alles Vorübergehenden, es ist die Magie des Lebens, das flüchtige und gewaltige Wunder des Lebens, das der Künstler festhalten will. Das Dahinschwinden - das Kommen und Gehen der Dinge -, das überraschende Zögern des Lebens läßt die Furcht vor dem Verlust und den Willen aufkommen, dem Werk Dauerhaftigkeit zu verleihen. Jeder der festgehaltenen Momente kann uns einen Aspekt von dem Lauf eröffnen, der das Leben ist.

Von allen Kunstbewegungen, die sich bereits vor CRASS bemüht ha-
ben, die Grundsätze der uns aufgezwungenen Realität zu unterwan-
dern, kamen die Dadaisten ihrem Ziel am nächsten. Nackt und stolz
haben sie sich auf die Kristallleuchter der Bourgeoisie geschwungen
und dem "guten Geschmack" ins Gesicht gepisst. Sie haben die distin-
guierte Moral auf den Müll geworfen und jenen Krieg, der angeblich
alle Kriege beenden sollte und es dann doch nicht tat, auf ihre Weise
einen Sinn gegeben: Der Horror der Gräben, der Gestank des Senfgases,
der Stoß der Bajonette sind durch Marcel Duchamps "Pissoir" besser
erklärt worden als durch all die patriotisch-selbstgerechten Geschichts-
bücher. Die Dadaisten bewiesen die geistige Gesundheit des Wahn-
sinns. Gott war tot, Nietzsche auch - woran also sollte man sich noch
orientieren, wenn nicht an der Hitze des Bewusstseins und an dem
Potential, das in einem Selbst steckte? Die Nazis hätten womöglich nie
eine Chance gehabt, wenn die Gesellschaft die Lektion des Dadaismus
gelernt und verinnerlicht hätte. Aber sie wurde nicht gelernt, nicht
einmal beachtet. Der Wahnsinn des Krieges, die gesellschaftliche Un-
gleichheit und die seelische Selbstgefälligkeit wurden nie in Frage ge-
stellt. Die Bourgeoisie etablierte nach dem Ersten Weltkrieg lieber
wieder eine neue illusorische Ordnung, anstatt nach dem Ursprung
ihres Leidens zu forschen. Ein weiterer Krieg, noch schlimmer als der
vorige, war somit garantiert. Nietzsche wurde (sicherheitshalber) mit
einem Knebel im Mund beerdigt und Dada von den neuen Stimmen
der Psychologie geplündert, die sich den Interessen ihrer militärisch-
industriellen Herren unterordneten und alles daransetzten, die feurigen
Pfeile einer Revolte abzustumpfen. Mit anderen Worten: Alles ging sei-
nen gehabten Gang. Heute hängen die Dadaisten in den Museen wie
Jesusfiguren vor den Kirchen, sind ein Anlagewert wie die Rolex oder
die Treter von Nike geworden. Nietzsche wurde derweil in die kusche-
lige postmoderne Sicht der Dinge integriert: Gott ist tot, lang lebe Gott!
PENNY RIMBAUD

Wo aber liegt übehaupt so etwas wie Substanz? Von existentiellen Fragen
einmal abgesehen, bedeutet Substanz im Grunde nichts weiter als Schicksal,
ist ein Rezept der Versklavung, ein selbst auferlegtes Märtyrertum, um uns
als Götzen des Materialismus zu unterjochen.
Penny Rimbaud


"Was man nicht aufgibt, hat man nie verloren."

(Schiller)

 

Ein gutes Kunstwerk kann und wird zwar moralische Folgen haben, aber moralische Zwecke vom Künstler fordern, heißt ihm sein Handwerk verderben.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

 

Das innere Leben der Formen und Bilder ist jedem analysierbaren
Begriff von Intentionalität fremd. Teilweise kontrolliert der Künstler
dieses Leben, aber es treiben eher Ohnmacht und Schwäche als
Intention den Künstler an, der erst weiß, was er tun will, wenn er
dabei ist, es zu tun. "We do not know where you are going to end.
It´s a journey without a aim."

Als die Tyrannei der Arbeit von der Tyrannei des Geldes aufgesogen wurde,
hat sich eine in klingende Münze umsetzbare große Leere der Hirne und Leiber bemächtigt.
Überall hat sich der mächtige Hauch des Todes verbreitet. Der Fluch hat sogar die Energie
der Verzweiflung zerstört.
Dabei graut es dem Leben und dem Körper vor Inhaltslosigkeit, Stillstand, Zwang und Widersinn.
Es kommt ein Moment, in dem das Feuer aus der Asche aufflackert, die es erstickte.
Obwohl Generation auf Generation am Rande der belebendsten Quelle verdurstet ist, wie es
die Tradition befiehlt, hat es immer nur ein paar wenige gebraucht, die davon tranken und
darin herumtollten, und die Oasen wurden wieder grün.

Keine Epoche hat Verzweiflung und Ressentiment derart verharmlost.
Keine hat den Lebensgewohnheiten so viel Bitterkeit und den Herzen
so viel Gift eingeflößt. Von den zahlreichen Freuden, die wir erstreben,,
sind uns nur noch Reflexe geblieben, die wie tote Fische um uns
herum treiben.
Nur das Geld arbeitet und lässt arbeiten. Von den armen Vorstädten
bis zu den Ghettos der Reichen herrscht eine tollwütige Habsucht,
die abstumpft und mordet. Die Gier der Räuber und die Angst, die sie
erregen, verunstalten Körper und Bewusstsein.
Das Menschliche irrt mehr und mehr unter Masken umher, die ihm die Haut
zerfressen. Das Lebendige macht seinen Trugbildern Platz. Überall herrscht
eine vor Verachtung für Menschen und Dinge zitternde kriecherische Lethargie.
Resigniert billigen die Menschen den Zynismus, der zum obersten Gesetz
wird.
Wir haben miterlebt, wie so manche unter dem Slogan "Arbeitet nie!! Ihr Recht
auf Faulheit rentabel machten, indem sie andere arbeiten ließen.
Der Spekulations- und Finanzkapitalismus macht das besser: Er wertet die nützliche
Tätigkeit ab und die lukrative Nutzlosigkeit auf.
In der Logik des Raubes wird nicht schöpferische Betätigung das Ende der Arbeit
einläuten, sondern der allgemein gewordene Betrug. Die Langeweile, die der
Existenz nach und nach auch den letzten Zauber raubt, ist zur Profitquelle
geworden.
Das Geld ist die Leidenschaft, die bleibt, wenn alle anderen erloschen sind,
und sie verschlingt, falls sie wiedergeboren werden.
(RAOUL VANEIGEM)

Die Entwicklung der Welt hat die schlimmsten Befürchtungen
der Situationisten bestätigt. Da keine neuen Werte geschaffen
wurden, die auf dem Leben und der Entschlossenheit gründen,
dessen uneingeschränkte Souveränität sicherzustellen, sehen
wir uns einer Leere gegenüber, in der sich in wildem Durch-
einander die patriarchalen Werte und die Erinnerung an die
Kämpfe gegen Staat, Armee, Polizei, Religion, Ideologien ge-
genseitig verschlingen.
Die Arbeit, die zu verweigern wir stets angeregt haben, ist
heute aus dem doppelten Grund schädlich, weil sie sinnlos ist
und knapp wird.
Diejenigen, die ihre Wirkkraft preisen und durch Beschäfti-
gungsgarantien Hoffnungen auf ein Konsumglück vorgaukeln,
sind genau dieselben, die Unternehmen schießen, weil die Ar-
beit den Aktionären weniger Gewinn einbringt als die Börse.
Die internationalen Börsenspekulanten haben die fleißige
Nutzlosigkeit zum Instrument ihrer Bereicherung gemacht. Die
einst vorrangige Produktion zur Befriedigung der Grundbedürf-
nisse kann dem Reiz von ebenso einträglichen wie zufallsbe-
dingten Spekulationsgeschäften nicht standhalten.
In den Bienenstöcken der Industrie ist nur noch das sinnlose
Rauschen der Angst und der Demotivation zu hören. Wo es noch
Arbeit gibt, hat sie nur eine Gnadenfrist. Der Moloch der Indus-
trie wird bald nichts als Kulisse sein, ein Bühnenhintergrund, vor
dem die Hilfsarbeiter kommen und gehen, die einzig die Sorge
um einen ungewissen Lohn umtreibt. Sie wissen, dass sie, am
seidenen Faden hängend, der Schere einer Ökonomie preisgege-
ben sind, die aus dem eigenen Bankrott noch Gewinn schlägt.
Denn die Geschicke eines Unternehmens werden künftig auf dem
Schachbrett seiner lukrativen Liquidation entschieden.

Der Fluch der Arbeitslosigkeit liegt darin, dass sie den Fluch
der Arbeit fortbestehen lässt. Kaum steht das Fließband still,
empfindet der Mensch die Abschaffung der Sklaverei, durch de-
ren Einführung er sich einst disqualifiziert hat, als Qualitäts-
verlust.
Die Verknappung einer Arbeit, die das Überleben dem Le-
ben vorzog, lässt neben der Entbehrung auch den Mangel am
Allernotwendigsten bedrohlich nahe rücken. Da sie dem Leben
mit seinem Einfallsreichtum keine Vorrangstellung einräumen,
opfern die Arbeiter durch ihre an der Börse spekulierenden
Chefs vom Arbeitsmarkt verstoßen. ihr Leben auch weiterhin,
als wären sie ihrerseits Aktionäre der Leere geworden und spe-
kulierten mit ihrer eigenen Nichtexistenz.
Der Geldfetischismus vollendet die Diskreditierung einer
Arbeit, deren schwindende Rentabiität ihr schließlich sogar das
Gefühl gesellschaftlichen Nutzens nimmt, das lange Zeit noch
ihre Notwendigkeit begründete. Die Mode der kurzfristigen Be-
reicherung gewinnt der Verachtung der Lohnarbeit und der mit
ihr verbundenen Unsicherheit eine noch ungesundere und nie-
derträchtigere Sorge um den Umsatz ab: Geschäftemacherei
reinsten Wassers, Gewinnbessenheit, Erpressung von Gel-
dern, ob legal oder illegal, Profite aus Betrugsmanövern, die
immer löblich sind, wenn sie erfolgreich waren.
Der Baum der Freiheit ist nur die Stange, auf der die
Geier sitzen.
Wie lässt sich in einer Zeit, da Verunsicherung, Angst und Re-
signation einen Fatalismus verbreiten, der das Abgleiten in die
Tyrannei und die abscheuliche Wiedergeburt religiöser und
ideologischer Intoleranz fördert, begreifbar machen, dass die
Arbeitslosigkeit - anders als die Arbeit, die uns uns selbst
entfremdet - keine leere Zeit ist, sondern Zeit, über die wir
verfügen können? Wie lässt sich wieder ein Bewusstsein da-
für schaffen, dass Arbeitslose ihr Leben endlich so gestalten
können, dass sie etwas davon haben? Dass man hier einen
Raum befreien und sich aneignen kann, das hier ein Gebiet zu
erobern und fruchtbar zu machen ist, indem es dem
Wunsch verschreibt, etwas zu schaffen und sich selbst zu er-
schaffen?

Das Spektakel, in dem das Leben abstrakt, von sich selbst ge-
trennt ist, hat sich überall durchgesetzt. Man erlebt nur, was
man sieht; was man nicht sieht, existiert nicht, ist jene Leere,
die sich mit immer größerer Leere füllt.
Der Nihilismus wird von einem Wettrennen in die Ver-
nichtung abgelöst, bei dem nur die besessene Gier nach
Geld befriedigt wird. Wie Chavée vorhergesagt hat, sind wir
drauf und dran, >>mit dem Nichts furchtbare Ersparnisse zu machen.<<

Das monetäre Gesetz der Austauschbarkeit setzt den Men-
schen mit einer vermenschlichten Ware gleich. Die Götter stei-
gen wieder auf die Erde herab, die sie in dem Maß geplün-
dert haben, wie die Verehrung des Geldes sich ökumenisch
Religionen wie Ideologien einverleibte. Wie Überlebende, die
sich sehnlich eine Existenz wünschen, sind sie Gespenster,
Trugbilder von Homunkuli, die durch eine Nacht ohne Morgen
irren.
Die Vermählung von Himmel und Erde vollzieht sich in der
Auflösung des Lebendigen. Die totalitäre Ökonomie errichtet
ein Pantheon, in dem das virtuelle Geld unter dem Schutz der
Börsennotierung über die Menschendämmerung und phantas-
matiche Gottheiten regiert.
(RAOUL VANEIGEM)

Bataille zufolge entzieht sich wahre Kunst nämlich der Ordnung der Bedürfnisse,
in der das Leben sich unablässig reproduziert.
Ihr Wesensmerkmal ist es, die Grenzen des Verstandes
(die auch die der Berechnung und des Interesses sind)
zu überschreiten, um die schwarzen Löcher dessen zu erkunden, was der Verstand
zur allgemeinen Realität erklärt:
Sie bestärkt den Menschern
(der nichts als ein Mensch ist)
nicht in seinen wolkigen Illusionen, in seinem Gefühl der vorausgesetzten Überlegenheit
eines Vernunftwesens, im Gegenteil, sie bringt ihn dazu zu erkennen, daß in ihm,
ein unbezwingbarer, ein souveräner Teil seiner selbst den Grenzen der von ihm aner-
kannten Notwendigkeit entgleitet.

Wenn du dein Haus verlässt, änderst du dann nicht oft
den Weg ohne darüber nachzudenken? Hörst du deshalb
auf du selbst zu sein? Und gelangst du nicht dennoch ans
Ziel? Und selbst wenn nicht, spielt es eine Rolle?
Pablo Picasso

 Seit jeher behaupte ich, daß es die Kunst nicht gibt, sondern nur die Künstler, die übrigens keine Kunst machen, sondern etwas tun, daß ihnen Vergnügen bereitet, die gar nicht anders können, selbst wenn es für manche ein schmerzhafter Prozeß ist: glückliche Masochisten.
JEAN LOUP SIEFF

 Kunst und Utopie.
Die Chance, Freiheit und Utopie wahrzunehmen, ist fast die Pflicht
der Kunst heute, um der Verengung der Phantasie und die Umstrukturierung
der Gefühle mit Brüchen zu konfrontieren, die Ausdruck einer Welt sind,
die auch sein könnte.
In diesem Sinne ist Kunst stets Verwandlung des vorgefundenen Materials.
Desto entwicklelter die Ebene der Überhöhung/Übertreibung(Verfremdung)
desto geringer ist ihr konservatives Element.
Die Überhöhung ist ein Mittel, um die Wirklichkeit bis an die Grenze
von Täuschung und Trugbild künstlerisch neu zu produzieren, -
deren scheinbare Objektivität und die statischen Gesetzmäßigkeiten,
die sich nur als Wirklichkeit ausgeben, zu entlarven.
Wirksam arbeitet sie mit vermeintlicher Sinnestäuschung.
Die Übertreibung macht nicht Halt vor den Grenzen der Unberechenbarkeit
- der Ratlosigkeit - der Irritation.
Im Gegenteil, sie entwickelt Haltungen in vielfältiger Weise für anders,
um dem Knast der Eindimensionalität ein Schnippchen zu schlagen.
Die Übehöhung als Methode vertraut oder verstößt in einer Zeit maßloser
Überreizung der Sinne den künstlerischen Schein, sie entwickelt ein
Verhältnis zu Elementen individueller oder kollektiver Rebellion in
der Kunst.
Sie verarbeitet Erfahrungen oder verwirft sie.
Das Experiment findet nicht im luftleeren Raum (Elfenbeinturm) statt,
sondern korrespondiert ständig mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit,
um sie im gleichen Moment wieder verlassen zu können.
Die Verbindung von Kunst und Utopie beruht wesentlich auf dem weiten
Spielraum der eigenständig entstandenen Assoziationen im Verhältnis
Künstler/Publikum zu der ungeheuren Menge  an künstlerischen Möglichkeiten,
die die Welt der Wirklichkeit um Vieles  übertrifft.
Überhöhung  bezeichnet Vorgänge detalliert; setzt der Willkür und
Beliebigkeit eine Haltung und damit den Weg der produktiven Aneignung
des Materials entgegen.
Der Zuwachs des Materials durch Vision bestimmt die Qualität des
künstlerischen Produkts. Das Maß ist  die Bildung neuer Wirklichkeiten,
die dem Abbild - der Nachahmung - entgegen steht
In der Überhöhung wächst die Wirklichkeit.
Die Harmonisierung der Welt durch bloße Nachahmung vergrößert die
Geschwindigkeit des Vernichtungsprozesses von Bewegung und Experiment.
Den tödlichen Generalisierungen fällt die Überhöhung als Methode
zum Opfer, sie erzwingen die Trennung von Kunst ihrer fiktiven Elemente,
werden beschreibende Ästehtik, entgestalten die Kunst und liquidieren
ihren verwandelnden Charakter.

Die Reduktion auf Nachahmung und Illustration des vorgefundenen Materials
als Gegensatz zur Verwandlung ist konservativ. Sie unterscheidet sich
wesentlich von der Überhöhung durch die Vereitelung sozialkritischer
Intentionen. Ihre Mittel sind bedingungsloses Einverständnis und nicht
Konfrontation, Brüche oder Distanz.
Die Nachahmung strebt der Ganzheit entgegen, harmonisiert Wirklichkeit
und mystifiziert das Verhältnis von Kunst und Realität.
Eine Begegnung von Kunst und Politik findet jedoch statt, wenn ein
Mit- und Gegeneinander in einer ständigen Überprüfung des Verhältnisses
möglich ist. Das Verhältnis beider zueinander ist bestimmt durch die
Gleichzeitigkeit der Vorgänge, die der Eigenbewegung der Kunst in
Zusammenhang mit den zu verändernden Verhältnissen bringt.
Dinge der Innen- und Aussenwelt werden beobachtet, montiert, verwandelt,
in die Zukunft projiziert und in die Gegenwart zurückgeworfen.
Der ambivalente Charakter von Kunst und Politik wird, wenn er zu einem
eindeutigen Verhältnis gezwungen sein sollte, den Graben zwischen
Aufbruch und aufrührerischem Drang nach kultureller Zerstörung gegen
die Identifikation zu Gunsten des Letzteren verschieben.
Die ausgegrenzte Seite wird dem Irrtum einer neuen Ordnung und
der Macht der Zwänge über die Utopie mit der Möglichkeit einer freien
selbstbestimmten Wirklichkeit begegnen. Nun wird die Kunst nicht mehr
zur Harmonisierung der Wirklichkeit beitragen, sondern sie kann die
Menschen als ständiger innerer und äußerer Unruheherd auf dem steinigen
Weg in die Freiheit begleiten.
Herby Sachs (in SCHWARZER FADEN Nr.27 - 1/88 Seite 51.)


 Warum betreiben wir Kunst? Es mag vielfältige und ernsthafte

Motivationen geben, wie etwa, den Menschen die Augen für

Ungerechtigkeiten zu öffnen oder die Welt zu retten; aber wenn

die Tätigkeit des Weltrettens uns keine Freude schenkt, wozu soll

man dann überhaupt eine Welt haben, und wie sollen wir dann

die Ganzheit und Energie haben, weiterzugehen? Das ganze

Abenteuer der Kreativität dreht sich um Freude und Liebe. Wir

leben um der reinen Freude des Daseins willen, und aus dieser

Freude entfalten sich zehntausend Kunstformen und all die Ver-

zweigungen des Lernens und des mitfühlenden Handelns.

BEFREIUNGSFRONT DER PHANTASIE!

Nicht Kunst um der Kunst willen, sondern Kunst um des Lebens

willen.

Stephen Nachmanovitch


Kunst ist auch eine Form von Askese.

Ein Muster schält sich heraus, Dies ist Kunst, die vom Betrachter fordert mit ihr zu arbeiten.

Je mehr Aufmerksamkeit man ihr schenkt, um so mehr bekommt man zurück.

Wie im Leben, so ist es auch hier möglich, flüchtig die Oberfläche des Spektakels zu mustern,

statt das, was einem begegnet, ganz in sich aufzunehmen, und so das wirkliche Schauspiel,

das bei tieferem Engagement entsteht, zu verpassen.

Dieses Schauspiel spielt sich im Theater des Geistes ab, der privaten Reaktion auf das,

was zu sehen ist. Es ist eine stille Performance von einem und für einen selbst - das Gegen-

gift gegen den Kapitalismus, wenn es je eines gegeben hat.

 LICHTBALL
Einst zu Zeiten, in denen Geister noch kamen, gerade weil man sie rief, da war es selbstverständlich, dass ein jeder wusste, was es mit Licht Erscheinungen auf sich hat. In dieser Epoche der Menschheit, als Technische Errungenschaften weit hinter dem Wunsch standen, in Einklang mit dem Wunder der Natur zu leben, da begab es sich, dass ein Meister seinen Schüler kindischer Wünsche wegen rügte: Lichtbälle gehören in eine andere Zeit. Weiter merkte er sichtlich verärgert über solch Belanglosigkeiten sprechen zu müssen an: Solcherlei Ding, sei nichts als müder Zeitvertreib und nur für jene gemacht, die aus sich selbst heraus zu leuchten nicht vermögen. In Wahrheit nämlich werde solch magischer Spielkram für eine Zeit des Unwissens gemacht und zu dieser werde solcher Mumpitz auch wieder mehr Macht bekommen als heute, in der das gesamte Leben als auch die Grenzen des Universums noch unbeschadet seien. Als der Schüler vorsichtig anmerkte (nach wie vor bestrebt eine Licht Erscheinung sehen zu wollen), er sei felsenfest davon überzeugt, bereits ein Wissender zu sein und somit auch berechtigt - von ihm aus auch spielerisch – einen echten Lichtball zu sehen, da lachte der Meister seinen Schüler liebevoll an, zog ein kleines regenbogenfarbenes leuchtendes Bällchen aus der Tasche, ließ es ebenso schnell wieder verschwinden und fragte seinen Schüler verschmitzt, wo denn bitte sein Lichtball sei, wenn er schon denke, seine eigene Leuchte zu sein. Anschließend schickte er ihn schlafen.
Gerade stelle ich mir vor, wir Menschen seien alle verspielte Lichtbälle. Wir würden nicht geworfen, gerollt oder ins Bett geschickt! Nein, wir könnten immer von alleine leuchten. Könnten über alles Dunkel der Welt hin weg fegen, als wären wir schon immer nichts als Licht gewesen. Wir alleine reichen aus, um ein erstes Funkeln ins Dünkel zu zaubern.
ES WERDE LICHT !
(msberlinanodazumal)

   Jede Kunst und jede Kultur, die sich mit der Macht arrangiert, verwandelt sich in Diener einer Ideologie, einerlei ob dies im Namen des sozialistischen Realismus oder des bürgerlichen Pluralismus geschieht. Beide Haltungen beruhen auf Kriecherei vor der herrschenden Klasse. Ideologisierte Kultur und Kunst betreibt man nicht nur, wenn man einer Ideologie oder einem Machtsystem "expressis verbis" hofiert, die ein ausdrückliches Treuebekenntnis vom Künstler und Kulturschaffenden verlangen, wie es bei den gestürzten Regimen Osteuropas der
Fall war. Man betreibt sie auch, wenn der Künstler und der Dichter, aus welchen Gründen auch immer, die Widersprüche des Systems schweigend hinnehmen oder gar rechtfertigen. Die Kulturschaffenden werden auch dann zu Claqueueren, wenn sie nicht mit den Händen klatschen und sich in ihre goldene "splendid isolation" zurückziehen. Es genügt ein gleichgültiges oder zynisches Lächeln.

Kunst ist Subversion, Infragestellung der Realität, muß vom Ziel getragen werden, die Entfremdung, das Elend, den Schmerz und die Destruktion zu enthüllen. Eine Kunst, die im Augenblick des schöpferischen Aktes diese Erscheinungen beiseite schiebt, ist keine Kunst, sondern Ästhetisierung der waltenden Häßlichkeit. Wahre Kunst bedeutet den Versuch, das Menschliche immer wieder in Erinnerung zu bringen, sie ist schon deshalb Widerstand gegen das Unmenschliche und zugleich Offenbarung neuer Daseinsalternativen und utopischer Sehnsüchte. Nur wenn sie sich dieses Telos zu eigen macht, erfüllt sie eine befreiende Funktion,stellt sie sich gegen die von der instrumentellen Vernunft herbeigeführte Brutalisierung des Lebens.

Kunst ist Transzendenz in ästhetischer Gestalt, und sie ist Transzendenz, weil sie die Darstellung und das Sichtbarmachen des Schönen, Wahren und Gerechten im umfassenden Sinn zur Aufgabe hat.

Das heißt aber keineswegs, daß sie erbaulich und positiv sein muß. Das Gegenteil ist der Fall. Sie muß auch den Mut zur Negation haben und sich nicht scheuen, das Schreckliche mit aller Kraft zum Ausdruck zu bringen. Ja, in einer entfremdeten Welt wie der unseren kann echte Kunst nur Verneinung der entfremdeten Wirklichkeit sein; sie ist gezwungen, sich mit dem Häßlichen immer wieder auseinanderzusetzen. Letztendlich geht es um die Entmythologisierung jeder Form von falschem Bewußtsein und institutionalisiertem Schein.

Gewiß, Literatur und Kunst sind nicht militant in herkömmlichem, ideologischem Sinn, aber das heißt nicht, daß sie desengagiert sein müssen. Jede große, wahre Kunst und Literatur geht von einer konkreten Weltanschauung aus, und genauso wenig wie es so etwas wie eine wertfreie Wissenschaft gibt, genauso wenig gibt es eine wertfreie Kultur.

(Heleno Sana)

 Was tut ein Künstler? Er erschafft etwas, er drückt sich aus, er kopiert nicht, er imitiert nicht, er überträgt nicht (das ist bloßes Handwerk). Er agiert, macht, erfindet; er entdeckt nicht, genausowenig wie er kalkuliert, deduziert oder argumentiert. Schöpferisch tätig sein heißt im Prinzip, ganz auf sich allein gestellt zu sein.

Kunst ist nicht Nachahmung oder Abbildung, sondern Ausdruck; ich bin am ehesten ich selber, wenn ich etwas schöpfe - das, und nicht die Befähigung zu logischem Denken, ist der göttliche Funke, der in meinem Inneren glimmt; in genau diesem Sinne bin ich Gott zum Bilde geschaffen (sicut Deus).

Mensch zu sein heißt nicht, zu begreifen oder vernünftig zu urteilen, sondern zu handeln. Zu handeln, zu machen, zu erschaffen und frei zu sein sind ein und dasselbe: Hier liegt der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Der Künstler erschafft etwas; er kopiert nicht, und er entdeckt auch nicht.
Wenn wir spielen, dann erschaffen wir selber das Universum und seine Gesetze. Kinder, die "Indianer spielen", sind Indianer: Nichts hemmt sie. Die normalen Gesetze - gesellschaftliche, psychologische, ja sogar physikalische - sind außer Kraft gesetzt; wir können alles verändern, vielleicht sogar die Gesetze der Logik, ganz wie es unserer Phantasie beliebt. In dieser "noumenalen" Welt sind weder Phantasie noch Vernunft Grenzen gesteckt. In dieser Welt wird Tugend belohnt, Güte gefeiert, ebenso wie Schönheit und Wahrheit, und Sünde bestraft - anders als in der sogenannten wirklichen Welt. Kunst ist buchstäblich ein Spiel, sie ist Erfindung: eine Schöpfung aus dem Nichts, bei der wir die Inhalte der Welt und die Regeln, denen sie gehorcht, nach unseren eigenen, uneingeschränkten Wünschen und Vorstellungen gestalten. Auf diese Weise können wir, wann immer wir wollen, frei sein und der Tretmühle der physischen Existenz entrinnen. Dies ist die Welt der Kunst, der Sittlichkeit und der Vernunft. Ihre Wertvorstellungen werden nicht entdeckt, sondern geschaffen, und die Beziehung der Werte zueinander können wir nach Belieben bestimmen. Isaiah Berlin - Revolution der Romantik (Auszug)

Die Kunst hat keine Identität, die stärker wäre als die Umgebung, in der sie stattfindet. Sie ist ein kleiner Teil, der im Garten der Gegenwart die Zeit umbricht, ein dienlicher und mitarbeitender Teil, der es ermöglicht, etwas zu kompostieren in der Identität des Gegenwärtigen, um es bereit zu machen für eine Zukunft. Die Kunst ist eigentlich nur ein Agent, ein Pulver, das im viel wichtigeren Vorgang des Waschens zur Wirkung kommt. Nicht über seine Identität oder Sichtbarkeit, sondern eben über seine Funktion, sein bloßes Wirken. Michel Foucault

 Die Aufgabe der KUNST besteht darin, den Zauber etwa des Glau-

bens an "WACHSTUM", Oder des Glaubens an die ARBEIT:

...in Frage zu stellen.

"Es ist nicht notwendig, daß der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot erntet",

sagt Thoreau.

Sondern notwendig ist, daß er sein Leben als Poet, als Künstler lebt.

JEAN-CLAUDE PINSON

 Wir schauen auf unsere Unterdrücker und sind sprachlos vor Wut.
Nach und nach, wie Blumen, die sich der Sonne öffnen, werden wir sie
schmähen. Dass wir uns zur Handelsware des Staates machen ließen,
war unser Niedergang. Unser Gewissen erwacht jedoch mit der Kraft
der lebendigen Erde, um für all die verlorenen Körper in der dunklen
Erde zu sprechen. Unsere Wut wird die Institutionen der Unterdrü-
ckung in Staub verwandeln, und die Unterdrücker werden entsetzt flie-
hen, und nie erfahren, dass auch sie zur Erkenntnis hätten gelangen
können. Die Zyniker werden von dieser Macht in die Knie gehen und
die fernen Götter der Hoffnung anrufen, die sie selbst zerstört haben.
Unsere Wut ist unsere Kultur, unsere Kunst, und nicht die müßige
Suche nach Genuss oder ein egoistisches Greifen nach Besitztümern.
Ja, sie haben vielleicht unsere Produkte gekauft, aber die wahre Kunst
liegt in unseren Seelen, dem inneren Schatz, und ist die ultimative
Waffe, um diejenigen, die glauben, Macht würde in materiellen Wer-
ten gemessen, zu entwaffnen. Unsere Kunst, unsere Kultur und unsere
Liebe sind Fackeln der Hoffnung, die von Generation zu Generation
weitergereicht werden. Man kann uns nicht aufhalten. Wir sind keine
Handelsware. Die Flamme wird nicht erlöschen. Wir wissen. Wir
fühlen. Wir existieren.
Wir Engel des Augenblicks, gerüstet mit der glorreichen, unver-
wundbaren Natur des Jetzt und Hier, wir haben uns bereits erhoben.
Auf den Trümmern der kapitalistischen Gesellschaft sind wir bereits
die Sieger. Wir müssen nur nach der Beute greifen. Also warum dann
auf die organisierte Revolution warten? Geht raus und macht eure
eigene. Erobert euren Raum zurück, erobert euer Leben zurück. Wartet
nicht auf Gründe, eure bloße Existenz ist Grund genug. Vernunft an-
nulliert Aktionen, annulliert Gedanken, annuliert die Person, die du
wirklich bist. Die Kunst des Lebens gehört uns, die Galerien können
haben, was uns dann später dazu einfällt.
Es gibt keine Autorität außer dir selbst.
Penny Rimbaud

"Wenn nämlich ein Dasein durchlaufen ist, ist es ja fertig, ist es ja abge-
schlossen, und insoweit ist es damit ja der systematischen Erfassung an-
heimgefallen. Ganz recht - aber für wen? Derjenige, der selbst existierend
ist, kann ja nicht jene Abgeschlossenheit außerhalb des Daseins gewinnen,
die der Ewigkeit entspricht, in die das Vergangene eingegangen ist."
Slavoj Zizek





 Fast eine Liebeserklärung

Sie ist umworben. Mit ihr will man sich sehen lassen. Sie öffnet Türen, die ohne sie nicht einmal erkennbar waren. Ihre Gegenwart verleiht Charisma, sie ist so begehrt, dass sie auch immer wieder gestohlen, gefälscht oder vorgetäuscht wird. Das ist allerdings so nutzlos wie der Versuch, die festzunageln. Sie ist unberechenbar und launenhaft – man kann sich lange um die bemühen, ohne erhört zu werden, und dann wieder beschenkt sie einen, der sie nicht einmal eingeladen hat.

 

Einige Begnadete genießen ihre Gunst seit sie geboren wurden, anderen bleibt sie ein Fremdwort. Sie wird idealisiert und verherrlicht, vor allem; von jenen, die sie noch nicht persönlich kennen. Wo von ihr gesprochen wird, ist sie oft am weitesten entfernt. Manche aber, die von ihr heimgesucht worden sind, berichten, dass sie durchaus ein Teufel sein kann, der das Leben zur Hölle macht und einen nie in Frieden lässt. Sie hat mehr als zwei Gesichter, und einige davon sind sehr beunruhigend. Über eines sind sich jedoch die meisten einig:

 

Wir brauchen sie, nicht nur für die schönen Seiten des Lebens; sie ist unentbehrlich, egal, wie wir sie nennen. Wir brauchen sie, ganz besonders in Krisenzeiten – in eigentlich unlösbaren Situationen. Ist sie die einzige Hoffnung. Aber wehe, wenn wir uns einfach auf sie verlassen und sie für selbstverständlich nehmen. Dann kann sie uns eiskalt übersehen, so als existierten wir gar nicht für sie. Wer auf sie baut muss schwindelfrei sein und darf Abgründe nicht fürchten. Oft spielt sie herum oder hält sich versteckt, und wenn wir es am wenigsten erwarten platzt sie herein – allerdings nur dort, wo die Tür offen ist. Das Verrückte ist, dass wir nicht einmal genau wissen, welche ihre Türen sind.

 

Andererseits kann sie richtig aufdringlich werden, lässt einen nicht mehr in Ruhe mit ihren Launen, Ideen, Einfällen und Erkenntnissen. Ja, es gibt Menschen, denen läuft sie geradezu hinterher, sogar bis in den Schlaf. Manchen erscheint sie in den Träumen. Eifersüchtig ist sie nicht. Sie hat so viele Liebhaber, wie es Menschen, Blumen und Sterne gibt. Sie ist frei und erfinderisch, und es gelingt ihr immer wieder sich selbst zu übertreffen.

 

Auch ich habe ein inniges Verhältnis mit ihr. Genauer gesagt: Manchmal besucht die mich, dann schlagen wir uns die Nacht um die Ohren, ohne eine Sekunde Schlaf. Manchmal wünsche ich mir, dass ich nie etwas mit ihr zu tun bekommen hätte; aber jetzt ist es zu spät. Ich habe mich mit Haut und Haaren auf sie eingelassen und bin völlig davon abhängig, dass sie kommt. Das Verhältnis ist sehr einseitig: Wenn ich sie suche, kann ich sie nicht finden sondern ich kann mich nur selbst auffindbar machen für sie. Diesen Teil unserer Beziehung schätzt mein EGO überhaupt nicht vielleicht lässt sich mancher deshalb auch nicht auf sie ein. Sie kann einen verschlingen. Sie fordert alles: die Hingabe von Geist, Körper und Seele. Sie fordert Vertrauen und Demut.

 

Das kann kräftig knirschen in der Maschinerie des Alltags, mit der wir das Unberechenbare im Leben kontrollieren und gestalten wollen. Paradoxerweise hilft sie aber auch dabei gelegentlich Meistens aber fordert sie das wir springen, ohne zu wissen, ob und wo wir landen können. Von Buchhaltung hält sie nicht viel, über Forderungen höre ich sie nur leise kichern, und mit den Theorien, die sie fassen sollen, spielt sie wie mit Bauklötzen. Manchmal lässt sie sich sogar auf schmutzige Affären ein, Moral ist ihr fremd. Deshalb kann man sich ihre Gunst auch nicht verdienen. Wohlverhalten, guten Willen und die besten Absichten kann sie herzlos ignorieren. Dafür hat sie einen ausgeprägten, manchmal auch skurrilen Sinn für Humor. Ich möchte ihnen noch mehr über das Geheimnis erzählen, wie ich mich auffindbar machen kann, für sie, nachdem ich ihr nun schon verfallen bin.

 

Im Grunde ist es so einfach: Wenn sie in der Nähe ist, muss ich bereit für sie sein und darf nicht gerade mit meinen Krisen, fixen Ideen und Gewohnheiten so beschäftigt sein, dass ich sie übersehe. Hindernisse für ein Rendezvous kommen immer von mir, nie, von ihr. Sie braucht mich nicht, aber ich sie. Ob ich leide oder nicht ist ihr völlig egal, dadurch lässt sie sich nicht erweichen. Das ist meine Sache, mit der ich dann so schnell wie möglich fertig werden muss, um wieder für sie frei zu sein. Für den tragischen Ernst unseres Lebens hat sie nicht viel übrig, davon hält sie sich fern. Was sie lockt, ist der offene Geist, das Spielerische.

 

So also kann ich mich für sie auffindbar machen. Alles, was mir hilft, die Grenzen meiner Vorstellung zu übersteigen, mich neugierig macht und mir das Staunen wieder beibringt, bereitet den roten Teppich für sie aus. Und wenn sie dann endlich kommt, beginnt der schwierigste Teil. Sie sieht mich ganz und will mich ganz. Also kann ich meine Macken, Besessenheiten, Vorurteile und meine engen Grenzen nicht vor ihr verstecken. Den Kopf darf ich verlieren, aber nicht den Verstand. – sonst verstehe ich sie nicht. Denn sie will nicht nur in Gefühlen versinken, sondern fordert ein Gegenüber das standhält. Mir macht das Angst und dies ist das sichere Gefühl, das sie sich in der Nähe herumtreibt. Wenn ich diese Angst überwinde, den Sprung wage, dann schenkt sie mir in unserer kurzen Vereinigung ein solch unerhörtes Glück, eine unbegrenzte Verbundenheit, das Gefühl, eins zu sein mit allem Lebendigen, dass die ganze Angst zu Asche wird. Allmählich kenne ich das nun, aber es ist immer wieder ein neues Wunder, das gefeiert werden will. Das einzige, was ich nicht an ihr mag, ist ihr schwerfälliger Name: Kreativität.

( Autor unbekannt )

VERHALTEN EINES KÜNSTLERS:
Ein Künstler solte weder sich selbst noch andere belügen.
Ein Künstler sollte nicht die Ideen eines anderen stehlen.
Ein Künstler sollte keine Kompromisse eingehen - weder persönlich noch hinsichtlich des Kunstmarkts.
Ein Künstler sollte niemanden töten.
Ein Künstler sollte sich nicht zum Idol machen...
Ein Künstler sollte sich niemals in einen Künstler verlieben.

VERHÄLTNIS EINES KÜNSTLERS ZUR STILLE:
Ein Künstler muß die Stille verstehen.
Ein Künstler muss in seinem Werk Raum für die Stille schaffen.
Die Stille ist wie eine Insel inmitten eines aufgewühlten Meeres.

VERHÄLTNIS EINES KÜNSTLERS ZUR EINSAMKEIT:
Ein Künstler muss sich Zeit nehmen und lange Phasen der Einsamkeit auf sich nehmen.
Einsamkeit ist extrem wichtig.
Weit weg von zu Hause, weit weg vom Atelier, weit weg von der Familie, weit weg von Freunden sein.
Ein Künstler sollte sich lange an Wasserfällen aufhalten.
Ein Künstler sollte sich lange an Vulkanen aufhalten, die ausbrechen.
Ein Künstler sollte lange schnell fließende Flüsse betrachten.
Ein Künstler sollte lange den Horizont betrachten, die Stelle, an der Himmel und Meer sich treffen.
Ein Künstler sollte lange die Sterne des Nachthimmels betrachten.

Lebensmanifest einer Künstlerin: Marina Abramovic
Aus: Marina Abramovic, Walk Through Walls, New York 2016.